Unser Konsum zerstört den Planeten und andere, die darauf leben. Darüber soll am Kauf-Nix-Tag von möglichst Vielen nachgedacht werden. Denn nur 20% der Weltbevölkerung verbrauchen über 80% aller Ressourcen.* Das ist viel zu viel und kann so nicht weitergehen. Das Elend in der Welt ist schließlich bekannt: 800 Millionen Menschen unterernährt, 24.000 Menschen verhungern jeden Tag, allein 6.000 sterben täglich an den Folgen unsauberen Trinkwassers. Diese Aufzählung furchtbarer Misstände ließe sich lange fortsetzen.
Doch zunächst: Wer sind diese 20%, die so viel verbrauchen? Das sind keine individuellen Käufer, sondern das ist eine statistische Größe – der gesamte Ressourcenverbrauch der westlichen Industrieländer bezogen auf deren Bevölkerungszahl. Jedem einzelnen Bewohner wird so anteilig dieser Verbrauch zugerechnet, und nahe gelegt, er könnte daran etwas ändern, indem er weniger konsumiert. Dabei macht man die herrschende Unterstellung mit, es gehe hier allen gut und jeder habe durchaus genug. Dass hier alle genug haben kann man wiederum an der Wirtschaftskraft dieser Länder erkennen, deren Sozialprodukt und folglich das daraus errechnete Pro-Kopf-Einkommen das von Entwicklungsländern um ein Vielfaches übersteigt.
Dass eine hohe Wertsumme aller hergestellten Waren keineswegs bedeutet, dass diese Güter auch für alle zur Verfügung stehen, kommt nicht in den Blick; individuelle Unterschiede werden vernachlässigt. Auch ein Hartz-IV-Empfänger hier hat viel verglichen mit einem Arbeiter in Tansania, der täglich um das nackte Überleben kämpfen muss. Die Feststellung jedoch, dass Armut letztlich immer relativ ist, d.h. sich auf die Menge gesellschaftlich verfügbarer Güter bezieht, klingt zynisch angesichts des enormen Gefälles im Aussehen dieser Armut zwischen Deutschland und Sierra Leone. Auch ein Armer hier kann sich noch weiter einschränken, und das gilt, wenn nicht als seine moralische Pflicht, so doch als sehr ehrenwert, schließlich sind die Zustände auf der Welt so nicht haltbar.
Was kann der Verzicht auf ein neues T-Shirt, ein Handy oder einen Laptop nun bewirken? Wenn viele Menschen darauf verzichten, so ist die Idee, wird weniger davon für uns hergestellt werden, werden also auch weniger Ressourcen verbraucht. Damit stünden mehr Ressourcen für die 80% der Menschen zur Verfügung, die derzeit zu kurz kommen.
Nur bleibt die Frage: Wenn wir bestimmte Dinge nicht verbrauchen, wird dann wirklich mehr für Bedürftige hergestellt? Dass dem nicht so ist, kann man u.a. daran erkennen, dass die EU jahrelang Milch, Butter und Fleisch vernichtet hat, weil es zum gewünschten Preis nicht verkaufbar war. Das hatte nichts damit zu tun, dass damals keiner mehr davon hätte essen wollen, auch Hunger gab es damals. Inzwischen hat die EU das Problem der „Überproduktion“ durch besseres Subventionsmangement und erfolgreiche Flächenstillegungen im Griff, d.h. es wird weniger produziert. Dabei gibt es auch heute Hunger und Menschen die gern mehr zu essen hätten, sowohl innerhalb der EU wie woanders. Aber produziert wird nicht für Bedürfnisse, sondern für zahlungskräftige Bedürfnisse. Dass jemand verhungert, ist in dieser Gesellschaft schlicht kein Grund zu produzieren (und nicht einmal Grund genug, ihm schon produzierte aber unverkäufliche Güter zu überlassen – stattdessen werden sie verbrannt). Freilich passiert im Rahmen der Produktion auch Bedürfnisbefriedigung: die produzierten Güter müssen irgendein Bedürfnis befriedigen oder zumindest glaubhaft versprechen, dies zu tun, damit sie jemand kaufen will. Aber Bedürfnisbefriedigung ist nur eine Nebenbedingung der Produktion. Nicht die unbefriedigten Bedürfnisse sind Anlass zur Produktion – derart dass man sich umschauen würde, und sieht: 800 Millionen Menschen unterernährt, da müssen also dringend mehr Nahrungsmittel hergestellt werden! – sondern produziert wird um Gewinn zu erzielen. Und dies tun keineswegs nur die großen Konzerne so, sondern alle: Man investiert eine bestimmte Summe Geld in die Produktion, um am Ende mehr Geld zurück zu bekommen als man rein gesteckt hat. Das setzt aber eben voraus, dass jemand anderes tatsächlich kauft, was man hergestellt hat, einem also Geld (oder gegebenenfalls andere Waren) dafür geben kann. Gibt es diese Aussicht auf Verkauf nicht, lässt sich das eingesetzte Kapital nicht vermehren, sondern muss abgeschrieben werden. Folglich wird niemand Kapital in solch eine Produktion investieren wollen. Jemand, der nichts hat, ist einfach kein potentieller Käufer, und damit auch niemand, für den produziert wird. Folglich wird für den auch dann nicht produziert, wenn bestimmte andere Dinge – überflüssiger Schnickschnack – nicht produziert werden.
Die Knappheit auf der Welt ist keine der Art, dass nicht genügend hergestellt werden kann. Denn auf den EU Agrarflächen z.B. könnte man ja eine Menge anbauen, das wurde früher auch getan. Statt dessen, werden den Bauern Prämien gezahlt für die Verpflichtung dort nichts anzubauen. Vielmehr braucht man immer etwas, was man eintauschen kann gegen die hergestellten Dinge, und auf der Seite ist es knapp. Man muss irgendwas besitzen, was jemand anders haben will (und sei es nur die eigene Arbeitskraft), damit man überhaupt etwas zum Tauschen hat. Wenn man aber sonst nichts besitzt, und die eigene Arbeitskraft am Markt auch nicht gefragt ist, dann kommt man mit seinen Bedürfnissen schlicht nicht vor. Außer manchmal für mildtätige Organisationen, die zusehen, dass man nicht verhungert, aber produziert wird für einen einfach nicht. Man kann sich die Dinge seines Bedarfs aber nicht einmal selbst herstellen, was ja z.B. bei Nahrungsmittel an sich problemlos vorstellbar wäre, denn der Boden gehört auch immer schon jemandem. Und so man muss also Geld haben für die Erlaubnis irgendwo seine Kartoffeln anzubauen, denn man muss den Boden zuerst pachten oder kaufen. Und dann steht man also wieder da wie vorher: man braucht erst einmal Geld. Ebenso verhält es sich mit allen anderen Gegenständen, die zur Herstellung von Gebrauchsgütern dienen (Werkzeuge, Maschinen, Rohstoffe) – auch die gehören schon jemand anderem und man muss sie ihm abkaufen.
Dadurch, dass wir hier bestimmte Dinge nicht kaufen, hat also noch kein anderer zu Essen oder was er sonst so braucht. Wenn einen das Elend in der Welt tatsächlich umtreibt, muss man kritisieren, dass Menschen um vor vollen Lagerhäusern nicht zu verhungern, auf den erfolgreichen Verkauf ihrer Arbeitskraft angewiesen sind – eine Bedingung, die keineswegs allein in ihrer Gewalt liegt, sondern es liegt im Ermessen der Unternehmen, ob es Gewinn versprechend scheint, ihre Arbeitskraft zu benutzen, ob sie also dafür geeignet sind, das Kapital zu vermehren. Dieser Bedingung, das Kapital zu vermehren, ist jede produktive Investition hier unterworfen, und es ist zynisch auf die vielen dadurch befriedigbaren Bedürfnisse zu verweisen, angesichts der unzähligen in skandalöser Weise unbefriedigten.
Hunger und Not schafft man nicht durch einen wie auch immer gearteten bewussten Konsum aus der Welt, sondern einzig durch die Umstellung der Produktion auf den Zweck der Bedürfnisbefriedigung. Das setzt voraus die Abschaffung der privateigentümerischen Verfügungsmacht über die Produktionsmittel. Denn es ist unsere Produktionsweise, die den Planeten und die Menschen darauf zerstört.
* Webseite des Buy Nothing Day: www.buynothingday.de
(Dieser Text wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt von der Assoziation gegen Kapital und Nation.)



